Zu Besuch auf Lampedusa

Eindrücke einer Reise zu den Mittelmeer-Flüchtlingen

Johannes Mann, Pfarrer der Evangelisch-reformierten Gemeinde Erlangen, war im April und Mai in Italien und hat dort im Süden die Orte bereist, die zurzeit durch die vielen Flüchtlinge über das Mittelmeer traurige Berühmtheit erlangt haben. Vom 26. bis 30 April besuchte er auf Sizilien die Orte Catania, Vittoria, Pozzallo, Modica und Scicli und war vom 1. bis 4. Mai auf der Insel Lampedusa (200 Kilometer südlich von Sizilien und 120 Kilometer vor der afrikanischen Küste).

Herr Mann, was ist der prägendste Eindruck Ihrer Reise?
Wir haben in Deutschland kaum eine Vorstellung von dem, was sich zurzeit auf Sizilien und Lampedusa abspielt. Mich lassen die Bilder der Schiffsfriedhöfe auf Lampedusa und Sizilien wie auch die Boote mit im Hafen ankommenden Flüchtlingen seitdem nicht mehr los. Viele von ihnen konnten nicht mehr laufen, andere waren durchnässt, wiederum andere wiesen schwere Verletzungen auf. Wenn man in ihre Gesichter schaut, liest man die traumatischen Erlebnisse, die sie durchgemacht haben. Sie wirkten total verängstigt. Die meisten schienen erleichtert, es nach Europa geschafft zu haben. Auf einem ankommenden Schiff hatte man Tote entdeckt. Sofort jagten italienische Carabinieri-Autos heran und Polizisten in weißer kriminaltechnischer Schutzkleidung bestiegen das Schiff und kehrten erst einige Zeit später von Bord zurück. Auch die vielen Toten unter den Ankommenden gehören längst zum Alltag der Mittelmeer-Tragödie.
 
 
 
Was hat sich im Alltag der Insel Lampedusa geändert?
Lampedusa erinnert von der Größe her an die Insel Amrum. Dort leben etwa 4500 Menschen, die zumeist vom Tourismus leben. Deswegen wächst in der Regeln in den Ferienzeiten die Bevölkerungszahl um ein Vielfaches. Vor allem Italiener machten auf Lampedusa gerne Urlaub. Ich habe dort eine gute Infrastruktur angetroffen. Die Insel liegt nur eine Flugstunde entfernt von Sizilien. Doch jetzt sind die vielen Hotels, Pensionen und Restaurants verwaist und menschenleer. Kaum einer verbringt auf der Insel noch seinen Urlaub. Wir waren die einzigen Gäste in unserer Unterkunft. Ausländische Touristen haben wir keine gesehen.
 
Die Kirche der Waldenser in Italien leistet umfangreiche Hilfe für die Flüchtlinge. Wie sieht diese aus?
Ich hatte Gelegenheit, auf Sizilien mit Waldenser-Pfarrern und Gemeinde-Verantwortlichen auch aus der Evangelisch-methodistischen Kirche, die in Italien in Kirchenunion mit den Reformierten lebt, zu reden. Sie informierten mich über eine großartige und aufopferungsvolle Arbeit an Flüchtlingen, die sie und die Kirchengemeinden dort leisten.
 
Ich nenne das Projekt „Mediterranean Hope“, das die Chiesa Valdese gemeinsam mit der Federation evangelischer Kirchen in Italien ins Leben gerufen hat. „Mediterranean Hope“ hat das Haus der Kulturen (Casa delle Culture) in Scicli ins Leben gerufen. In dieser 40.000- Einwohner-Stadt hat die Organisation ein großes Haus renoviert und nimmt seit vergangenem Jahr nimmt dort bis zu 60 Flüchtlinge auf. Ich hatte über mehrere Tage Gelegenheit, dort mit Flüchtlingen zu wohnen, mit ihnen zu essen und über ihre Erlebnisse zu sprechen. Ihre unvorstellbaren Schicksale, von denen sie mir erzählten, gingen mir tief unter die Haut.: Geburten ihrer Kinder in überfüllten Booten auf hoher See, mehrfache Vergewaltigung vieler Frauen während ihrer Flucht durch die Wüste nach Libyen oder in Libyen selbst. Die Flüchtlinge bewohnen im Haus zu zweit ein geräumiges Zimmer, erhalten täglich Sprachunterricht und werden psychologisch betreut. Sie kommen dort zur Ruhe und können mit den Mitarbeitern aus den Waldenser- oder methodistischen Kirchengemeinden die nächsten Schritte planen. Sie können dort sie so lange bleiben, bis sie Gastfamilien oder andere Unterbringungsmöglichkeiten gefunden haben.
„Mediterranean Hope“ fordert die Einrichtung eines humanitären Korridors, um die Flüchtlinge aus der Abhängigkeit von Schleppern und vor der Gefahr des Ertrinkens zu bewahren. Auf der Insel Lampedusa unterhält die Organisation eine Beobachtungsstation, bestehend aus Maria und Francesco, die bei jedem im Hafen ankommenden Flüchtlingsschiff vor Ort sind und den Umgang der Behörden mit den Migranten kontrollieren. Inzwischen hat sich unter Flüchtlingen an der libyschen Küste auch die Telefon-Nummer des Büros von „Mediterranean Hope“ auf Lampedusa herumgesprochen. Ich habe es selbst an jenem ersten Mai-Wochenende erlebt, als hunderte von Flüchtlingen auf der Insel ankamen. Von einem mit 701 Menschen hilflos und manövrierunfähig vor der libyschen Küste treibenden Flüchtlingsboot wurde die Station per SMS kontaktiert. Daraufhin nahm der Mitarbeiter mit der Marine Kontakt auf und kurze Zeit später liefen die ersten Schiffe zur Rettung aus.
 
Eine andere waldensische Kirchengemeinde in Vittoria, die seit 1933 Trägerin eines Altenheims ist, bot in diesem Haus die Aufnahme von Flüchtlingen an. Ich habe diese Casa di Riposa besucht. Inzwischen sind dort 50 junge Flüchtlinge untergebracht, die mit den alten Menschen zusammen leben. In dem Haus arbeitet auch eine junge deutsche Volontärin, ebenso wie in Scicli.
 
Eine ebenfalls sehr wichtige Arbeit leistet die Diaconia valdese – Commissione Sinodale per la Diaconia (CSD). Sie möchte weitere Häuser entlang der sizilianischen Südküste in Orten renovieren, in denen es waldensische Kirchengemeinden gibt. Dort sollen Flüchtlinge wohnen, um die Situation in den Erstaufnahmeeinrichtungen zu entspannen. Doch es fehlt an den Finanzmitteln.
 
Welche Hilfe können wir von hier aus leisten?
Ganz sicher brauchen die Geschwister in Italien unsere Solidarität und unsere Anteilnahme an der Flüchtlings-Katastrophe, die sich vor allem vor Sizilien und Lampedusa abspielt. Diese Situation bringt viele Mitarbeitende längst an die Grenzen der körperlichen und seelischen Belastbarkeit und wird es noch auf Jahre tun. 
 
Daneben können wir aber auch finanziell mithelfen, so dass unter Führung der Waldenser-Kirche weitere Aufnahmezentren entstehen können. Unser Erlanger Presbyterium beispielsweise hat auf unbestimmte Zeit die Einrichtung einer zusätzlichen Sonderkollekte für die Mittelmeer-Flüchtlingshilfe beschlossen, um allen Mitgliedern unserer Kirchengemeinde die Möglichkeit zu eröffnen, konkret etwas zu tun. Ein paar tausend Euro sind auf diese Weise schon zusammengekommen. Auch die Synode unseres Synodalverbands im Herbst wird sich des Flüchtlingsdramas annehmen. 
 
Eine weitere Bitte ist an mich auf Sizilien und Lampedusa herangetragen worden: Bitte, sprecht junge Deutsche an, etwa solche, die gerade das Abitur gemacht haben, ob sie nicht Lust haben, für ein Jahr als Volontäre nach Sizilien zu kommen, um uns bei unserer Arbeit mit den Migranti zu unterstützen. Das wäre eine ganz wichtige und willkommene Hilfe und Unterstützung.
 
Und last but not least wäre die Rückkehr der Touristen nach Lampedusa ein wichtiges Signal für die dortige Bevölkerung, dass sie nicht nur als „Flüchtlingsinsel“ gebrandmarkt werden und mit den Folgen alleingelassen werden. „Tourismo in solidar“ nennen das die Mitarbeiter von „Mediterranean Hope“.
 

Trotz all der bedrückenden Eindrücke während der Reise habe ich überall eine große Herzlichkeit und Freude über meinen Besuch und die gezeigte Solidarität verspürt. Wir dürfen Italien und unsere Glaubensgeschwister mit dieser riesengroßen Aufgabe nicht im Stich lassen. Mir ist wichtig, Solidarität und Verbundenheit zu zeigen und nicht nur auf die Flüchtlingssituation hier bei uns zu blicken. 

 


Ulf Pfreuß im Gespräch mit Johannes Mann