Evangelisch-reformierte Kirche in Bayern
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Bildung als Aufgabe der Gemeinde

Eine evangelisch-reformierte Perspektive auf das Jahr der Bildung in der Reformationsdekade

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Beitrag zum Themenheft 'Erwachsenenbildung und Ökumene' der Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Erwachsenenbildung in Bayern - von Georg Rieger.

Angelegenheiten, die sich auf der Ebene der Gemeinde regeln lassen, sollen dort auch verwirklicht werden. Das ist ein reformiertes Prinzip, das auch Auswirkungen auf die Bildungsarbeit hat. Dazu kommen die äußeren Umstände: Große Bildungseinrichtungen kann sich eine kleine Kirche nicht leisten. Die Gemeinden sind darauf angewiesen, sich selbständig vor Ort zu profilieren und durch eine überzeugende Arbeit Menschen zu gewinnen. Daher ist Bildungsarbeit Aufgabe der Gemeinde.

Und es ist eine Aufgabe, die immer wichtiger wird. In den Gemeinden ist die Nachfrage nach theologischem Grundwissen und nach Austausch über Fragen des Glaubens spürbar. Vielleicht kommt es den Reformierten in diesem Fall zugute, dass sie den Ruf haben „verkopft“ zu sein. Jedenfalls stellen sie sich dieser Aufgabe gerne. Selbst manche Predigt im Sonntagsgottesdienst erfüllt den Tatbestand der Bildungsarbeit und nimmt die Tradition der „Lehrpredigt“ auf.

Gemeindeseminare haben guten Zulauf, die sich an die eigenen Mitglieder richten und die Auskunftsfähigkeit über den Glauben zum Ziel haben. Und immer mehr Gemeinden wenden sich mit Veranstaltungen an die Öffentlichkeit, in denen theologische Themen im Mittelpunkt stehen. Am besten ziehen interessanterweise die klassischen Themen: die Bibel, die Rechtfertigung, die zehn Gebote und die reformierten theologischen Positionen zum Bilderverbot und zur Vorsehung.

Bildungsoffensive Calvinjahr

Ein gutes Beispiel für gemeindeorientierte Bildungsarbeit war das Jubiläumsjahr 2009 zum 500. Geburtstag von Johannes Calvin. Der Genfer Reformator erfreute sich bislang keines guten Rufes. Allerdings war auch das Wissen über seine Biografie und Theologie selbst in akademischen Kreisen mäßig. So war es für die Reformierten eine echte Herausforderung, das Bild eines ihrer Gründerväter in der Öffentlichkeit zurecht zu rücken.

Natürlich kamen dabei auch die Medien ins Spiel: Filme wurden gedreht, ein Magazin herausgegeben, Artikel geschrieben, Reden gehalten. Aber die nachhaltigste Calvin-Fortbildung fand in hunderten von Gemeindeveranstaltungen statt. Als Beispiele aus den zehn Gemeinden in Bayern seien genannt: In Erlangen eine Vortragsreihe mit prominenten Referenten und eine öffentlichkeitswirksame Preisverleihung. In Nürnberg ein Calvin-Wochenende mit einem ganztägigen Workshop. In mehreren Gemeinden war der Journalist Uwe Birnstein ein gern gesehener Gast mit einer Lesung aus seiner Calvin-Biografie. Und das Beste: Der Zugewinn an Wissen ist spürbar und das Interesse ist ungebrochen.

Ökumenische Zusammenarbeit

Eine interessante Erfahrung dieses Jubiläumsjahres war auch, dass man mit Bildungsangeboten auch in der Ökumene etwas bewegen kann. Katholische wie Lutherische Stadtakademien haben Veranstaltungen mit in ihr Programm aufgenommen. Und die Pfarrer unserer Gemeinden waren zu zahlreichen Vorträgen über Calvin in Nachbargemeinden eingeladen. Entgegen der landläufigen Meinung, dass „die Kirche“ am besten mit einer Stimme reden soll, weckt die Vielfalt offensichtlich auch Interesse.

Vernetzung der Bildungsangebote

Bildungsarbeit auf der Ebene der Gemeinde ist ja durchaus eine anspruchsvolle Aufgabe und bleibt leider meistens an den Pfarrerinnen und Pfarrern hängen. Aber es muss ja nicht ständig das Rad neu erfunden werden. Das Internet bietet heute die Gelegenheit, in Sachen Bildung Aufgaben zu teilen. Der Reformierte Bund Deutschland hat zu diesem Zweck ein Internetportal entwickelt, über das unter anderem Gemeindeveranstaltungen, Vorträge und Arbeitsmaterialien ausgetauscht werden. Die am meisten abgefragte Seite unter www.reformiert-info.de ist interessanterweise die zur eigenen Identität, nämlich zu der Frage „Was ist reformiert?“

Reformierter Bildungsauftrag

Die Bedeutung der Bildung als Aufgabe in der Gemeinde kommt nicht von ungefähr: Johannes Calvin kann man ohne Übertreibung den Vater der protestantischen Bildungsarbeit nennen. Mit der „Institutio“ schrieb er das erste theologische Lehrbuch der evangelischen Theologie und 1559 gründete er in Genf die Akademie, in der protestantische Pfarrer aus ganz Europa eine theologische Ausbildung erhielten. Vor allem aber führte er als eines der Ämter in der Gemeinde das Amt des Lehrers ein – gleichberechtigt zum Pfarramt, den Diakonen und den Ältesten als Leitungsgremium der Gemeinde. „Die besondere Aufgabe der Doktoren besteht darin, die Gläubigen in der heilsamen Lehre zu unterweisen, damit die Reinheit des Evangeliums weder durch Unkenntnis noch durch Irrlehren getrübt wird.“ So direktiv verstehen wir heute den Bildungsauftrag nicht mehr und die Doktoren haben wir auch nicht mehr allerorten zur Verfügung. Aber der Sache nach bleibt der Auftrag, die Gemeinde (im weiteren Sinn verstanden auch die interessierte Öffentlichkeit) „in Kenntnis“ zu setzen und so eine mündige und gesprächsfähige – eben gebildete – Gemeinde zu sein.

Georg Rieger

 

Georg Rieger

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